Bürgermeister und Stadtdirektoren in Warendorf von 1980-1994
sein Vorgänger: Dr. Hans Kluck 1964-1980
sein Nachfolger: Manfred Kampelmann 1994-1999
Stadtdirektor: Hellmuth Schmeichel 1967-1991
Stadtdirektor: Theo Dickgreber 1991-1999
Dr. Günther Drescher wurde 1980 zum Warendorfer Bürgermeister
gewählt, in einer wahrlich turbulenten Umbruchszeit. Mit schwierigen
Zeiten war Günther Drescher seit frühester Jugend vertraut. Geboren
wurde er 1926 in Karwin in der damaligen Tschechoslowakei. Während der
Sudetenkrise 1938 wurde seine Heimat von polnischen Truppen besetzt und
nach Beginn des Polenfeldzuges 1939 dem Reichsgau Oberschlesien
zugeordnet. Seine Gymnasialzeit verbrachte Günther Drescher in Neuzelle
in der Mark Brandenburg. Schon 1943 wurde er als Luftwaffenhelfer
eingesetzt, konnte aber 1944 das damals übliche Notabitur ablegen. An
seinem 18. Geburtstag kam er zum Fronteinsatz. Nach seiner Verwundung
geriet er in russische Gefangenschaft auf der Krim und in der Ukraine.
Erst 1949 wurde er zu seiner Familie, die nach Bayern geflüchtet war,
entlassen. Endlich konnte er sein Studium in Deutsch, Geschichte und
Geographie in München beginnen, welches er 1956 mit einer Promotion
abschloss. Durch seine Heirat mit Ruth Spital aus Warendorf kam er nach
Westfalen, bekam zuerst eine Anstellung als Lehrer an der Loburg in
Ostbevern, dann am Gymnasium in Ahlen und am Warendorfer Gymnasium
Laurentianum.
1971 wurde er zum Direktor der Marienschule in Warendorf
gewählt. In den schwierigen Jahren der Schulreform bewährte er sich dort
als ein umsichtiger Schulleiter und als verständnisvoller Partner für
Schüler und Eltern.
Er wollte aber mehr tun für seine neue Heimatstadt. Schon 1966
hatte er sich als CDU-Kandidat für den Stadtrat zur Verfügung gestellt
und wurde mit großer Mehrheit gewählt. Bürgermeister Dr. Kluck erkannte
schnell, dass Dr. Drescher eine besondere Gabe besaß, sich auf die
verschiedenen Denkweisen der oft sehr konträren Parteien einzustellen
und 1969 wählte ihn die CDU zum Fraktionsvorsitzenden. Elf Jahre lang
führte er die Fraktion durch oft sehr turbulente Sitzungen. Sein
diplomatisches Geschick erwies sich als ein Glücksfall.
Nach der plötzlichen Erkrankung seines Vorgängers Dr. Hans
Kluck sah er sich 1980 in der Pflicht, das Amt des Bürgermeisters zu
übernehmen. Mit den Stadtdirektoren Hellmuth Schmeichel und später Theo
Dickgreber und dem neuen CDU-Fraktionschef Manfred Kampelmann und später
Karl Wilhelm Hild mussten möglichst im Einvernehmen mit der SPD und der
FDP umsichtige Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden. Im
Vordergrund stand die Sanierung der historischen Altstadt, bei der man
der geschichtlichen Verantwortung gerecht werden, aber auch pulsierendes
Geschäftsleben fördern wollte. Wo dürfen Autos fahren, wo ist eine
Fußgängerzone wichtiger? Wo sollen Kunden und Besucher parken können?
Soll auf dem Gelände des alten Krankenhauses ein Kaufhaus entstehen oder
sind Wohnungen in der Innenstadt wichtiger? Wie kann aus dem Theater am
Wall ein Kulturzentrum gemacht werden und wie soll im alten Bürgerhof
ein Veranstaltungszentrum finanziert werden? Wann werden endlich die
innerstädtische Entlastungsstraße und die Umgehungsstraße gebaut?


Viele
verschiedene Meinungen prallten oft unversöhnlich aufeinander, so war es
nicht verwunderlich, dass in der Amtszeit von Bürgermeister Dr. Drescher
die politische Landschaft „bunter“ wurde. Zur Zeit der kommunalen
Neuordnung waren nur zwei Parteien im Rat der Stadt Warendorf
vertreten, die CDU und die SPD. 1975 gelang der FDP wieder der Sprung
über die 5% Hürde. Sie war schon in früheren Jahren sporadisch im Rat
vertreten gewesen. 1984 kam erstmalig die GAL/Grünalternative Liste und
1989 die Freie Wählergemeinschaft, die FWG, in den Stadtrat.


Im Bundestag war der Kreis Warendorf durch den langjährigen
Bundestagsabgeordneten und Bundesminister Dr. h.c. Heinrich Windelen gut
vertreten und im Landtag von NRW hatte es der SPD-Abgeordnete Richard
Winkels bis zum Landtages-Vizepräsidenten gebracht. Auch Friedrich
Vogel, CDU-Bundestags-Abgeordneter des Ennepe-Ruhr-Kreises, aber
wohnhaft in Warendorf, konnte als Justizminister in NRW und
Staatsminister in Bonn so manche Wege für Warendorf ebnen. Sie alle
beförderten unsere Stadt nach Kräften und zeigten gern Ministern und
Staatssekretären ihre schöne Heimatstadt, was für Warendorf manche Tür
öffnete.

1991 Bundespräsident Richard v. Weizäcker mit seiner Frau wird
von Oberst Klaus Kuhn, Bürgermeister Dr. Drescher, Stadtdirektor Theo Dickgreber und
Graf von Landsberg-Velen empfangen
Sogar Bundespräsident Richard von Weizäcker machte 1991 mit
seinen Mitarbeitern den jährlichen Betriebsausflug in die Pferdestadt
und die Gäste aus Bonn bekamen ein vielseitiges Programm im Reitzentrum
der FN und eine Mini-Hengstparade im Landgestüt vorgeführt.
Der hohe Wohn- und Freizeitwert der Stadt Warendorf hatte viele
Neubürger angelockt, denen attraktive Neubaugebiete angeboten werden
konnten. Durch den Strukturwandel mit dem Niedergang der Textil- und
Landmaschinenindustrie war Geld im städtischen Haushalt allerdings
Mangelware. Einige Großbetriebe, die breit gefächerte Behördenstruktur
und vor allem die zahlreichen mittelständischen Unternehmen in Handel
und Handwerk waren aber eine solide Basis, die Warendorf relativ
unabhängig machte von extremen Konjunkturschwankungen. Die Sanierung der
historischen Gebäude in der Innenstadt wurde in guter Zusammenarbeit
zwischen den Eigentümern und der öffentlichen Hand vorangetrieben und
die Altstadt wurde immer mehr zu einem Schmuckkästchen, das als „Stadt
des Pferdes“ mit einer sehenswerten historischen Altstadt zu einem
touristischen Anziehungspunkt wurde. Bewohner und Touristen schätzten
das vielseitige Geschäftsangebot mit den vielen kleinen inhabergeführten
Geschäften, die einen besonderen Charme verbreiteten. Der immer aktive
Verkehrsverein, der später zum Stadtmarketing weiterentwickelt wurde,
hatte alle Hände voll zu tun mit den Aktivitäten und Veranstaltungen in
der Stadt, wie z.B. den jährlichen Traditions- und Stadtfesten oder den
Militärweltmeisterschaften im „Modernen Fünfkampf“, die immer mit Gästen
aus der ganzen Welt ausgetragen wurden. Natürlich wurden die Funktionäre
zu einem festlichen Empfang in den historischen Ratssaal geladen und mit
einem Willkommenstrunk aus den Warendorfer Silberpokalen geehrt.


1991 CISM Militätweltmeisterschaften im Modernen Fünfkampf
Mit all den
Aktivitäten
hat sich auch das Hotel- und Gaststättenangebot merklich ausgeweitet und
für die Touristen entstand das neuartige Angebot der Ferienwohnungen in
Privathäusern. Ja, Warendorf entwickelte sich mehr und mehr zu einem
Touristenmagnet. Das war ein wichtiges Standbein, denn Großindustrie in
Warendorf anzusiedeln war nach wie vor schwierig. Aber die neuen
Gewerbegebiete an der Splieterstraße und in der Katzheide füllten sich
sehr schnell mit Gewerbebetrieben aller Art.
In der Zwischenzeit hatte der Autoverkehr gravierend
zugenommen. Der Andreasring als Innerstädtische Entlastungsstraße hatte
sich bewährt, nun wurde der Bau der Stadtstraße Nord als eine wichtige
Verkehrsentlastung für die Innenstadt und die Wohngebiete energisch
vorangetrieben. Es sollte aber noch bis 2003 dauern, ehe der erste
Bauabschnitt fertig war und noch heute warten wir auf die Vollendung der
Stadtstraße Nord.
Ein wichtiges Ziel von Bürgermeister Dr. Drescher war die
Verschlankung von Verwaltung und Politik. Er wünschte sich ein Umdenken,
weg von der „Behördenmentalität“ hin zum „Dienstleistungsunternehmen
Stadt“. Der Bürger sollte nicht Bittsteller sein, sondern Kunde. Ein
langer und mühsamer Weg!
1994 Bürgermeister Dr. Dreschers begrüßt die Ehrengäste beim
Neujahrsempfang
Ein
naheliegendes Ziel war das Jahr 2000, in dem das 800jährige
Stadtjubiläum gefeiert werden sollte. Schon jetzt wurden Pläne für ein
großes Stadtfest gemacht und Prof. Dr. Leidinger wurde die Federführung
für eine umfangreiche Stadtgeschichte übertragen.
Es war Bürgermeister Dr. Drescher ein wichtiges Anliegen,
Warendorfer Bürger zu ehren, die sich für das Wohl der Stadt und seiner
Ortsteile ehrenamtlich engagierten. Viele Gruppen und Vereine wurden
beim alljährlichen Neujahrs-empfang geehrt. Außerdem zeichnete er im
Laufe seiner Amtszeit 15 verdiente Bürger mit der Verleihung der
Ehrenbürgerschaft, des Ehrenrings und des Ehrensiegels aus.
Mit der Kommunalwahl 1994 beendete Dr. Günther Drescher seine
Bürgermeisterzeit und Manfred Kampelmann wurde sein Nachfolger. Nun
konnte er sich mehr seiner großen Leidenschaft, dem „edlen
Waidwerk“ widmen, denn in der Natur und in der Familie und seinem großen
Freundeskreis fand er Erholung und Entspannung. Gern setzte er sich mit
seinen Freunden vom Rotary Club unter der Leitung von Dechant em. Walter
Suwelack für die Erhaltung und Renovierung der historischen Bildstöcke
und Wegekreuze im heimischen Raum ein.

1995 ehrte ihn seine Heimatstadt Warendorf für seine
vielfältigen Verdienste mit der Ehrenbürgerschaft. Auch die Französische
Partnerstadt Barentin hatte ihn zum Ehrenbürger ernannt. Viele seiner
Wegbegleiter freuten sich mit ihm über die wohlverdienten Ehrungen.

Am 6. Februar 2010 verstarb Dr. Günther Drescher im Alter von
83 Jahren. Mit seiner Frau Ruth, seinen beiden Kindern und seinen fünf
Enkelkindern trauerten die Warendorfer Bürger um ihren beliebten
Bürgermeister und Ehrenbürger und begleiteten ihn in großer Zahl zu
seiner letzten Ruhestätte auf dem Warendorfer Friedhof.
Text: Mechtild Wolff
Bilder: Alfred Kaup