Bürgermeister Dr. Günther Drescher (*5.6.1926 - +6.2.2010)
Ehrenbürger der Stadt Warendorf
von Mechtild Wolff (1. 6. 2026)

Bürgermeister und Stadtdirektoren in Warendorf von 1980-1994
sein Vorgänger:  Dr. Hans Kluck 1964-1980
sein Nachfolger: Manfred Kampelmann 1994-1999
Stadtdirektor:   Hellmuth Schmeichel 1967-1991
Stadtdirektor:   Theo Dickgreber 1991-1999

Dr. Günther Drescher wurde 1980 zum Warendorfer Bürgermeister gewählt, in einer wahrlich turbulenten Umbruchszeit. Mit schwierigen Zeiten war Günther Drescher seit frühester Jugend vertraut. Geboren wurde er 1926 in Karwin in der damaligen Tschechoslowakei. Während der Sudetenkrise 1938 wurde seine Heimat von polnischen Truppen besetzt und nach Beginn des Polenfeldzuges 1939 dem Reichsgau Oberschlesien zugeordnet. Seine Gymnasialzeit verbrachte Günther Drescher in Neuzelle in der Mark Brandenburg. Schon 1943 wurde er als Luftwaffenhelfer eingesetzt, konnte aber 1944 das damals übliche Notabitur ablegen. An seinem 18. Geburtstag kam er zum Fronteinsatz. Nach seiner Verwundung geriet er in russische Gefangenschaft auf der Krim und in der Ukraine. Erst 1949 wurde er zu seiner Familie, die nach Bayern geflüchtet war, entlassen. Endlich konnte er sein Studium in Deutsch, Geschichte und Geographie in München beginnen, welches er 1956 mit einer Promotion abschloss. Durch seine Heirat mit Ruth Spital aus Warendorf kam er nach Westfalen, bekam zuerst eine Anstellung als Lehrer an der Loburg in Ostbevern, dann am Gymnasium in Ahlen und am Warendorfer Gymnasium Laurentianum.

1971 wurde er zum Direktor der Marienschule in Warendorf gewählt. In den schwierigen Jahren der Schulreform bewährte er sich dort als ein umsichtiger Schulleiter und als verständnisvoller Partner für Schüler und Eltern.

Er wollte aber mehr tun für seine neue Heimatstadt. Schon 1966 hatte er sich als CDU-Kandidat für den Stadtrat zur Verfügung gestellt und wurde mit großer Mehrheit gewählt. Bürgermeister Dr. Kluck erkannte schnell, dass Dr. Drescher eine besondere Gabe besaß, sich auf die verschiedenen Denkweisen der oft sehr konträren Parteien einzustellen und 1969 wählte ihn die CDU zum Fraktionsvorsitzenden. Elf Jahre lang führte er die Fraktion durch oft sehr turbulente Sitzungen. Sein diplomatisches Geschick erwies sich als ein Glücksfall.

Nach der plötzlichen Erkrankung seines Vorgängers Dr. Hans Kluck sah er sich 1980 in der Pflicht, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen. Mit den Stadtdirektoren Hellmuth Schmeichel und später Theo Dickgreber und dem neuen CDU-Fraktionschef Manfred Kampelmann und später Karl Wilhelm Hild mussten möglichst im Einvernehmen mit der SPD und der FDP umsichtige Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden. Im Vordergrund stand die Sanierung der historischen Altstadt, bei der man der geschichtlichen Verantwortung gerecht werden, aber auch pulsierendes Geschäftsleben fördern wollte. Wo dürfen Autos fahren, wo ist eine Fußgängerzone wichtiger? Wo sollen Kunden und Besucher parken können? Soll auf dem Gelände des alten Krankenhauses ein Kaufhaus entstehen oder sind Wohnungen in der Innenstadt wichtiger? Wie kann aus dem Theater am Wall ein Kulturzentrum gemacht werden und wie soll im alten Bürgerhof ein Veranstaltungszentrum finanziert werden? Wann werden endlich die innerstädtische Entlastungsstraße und die Umgehungsstraße gebaut?

Viele verschiedene Meinungen prallten oft unversöhnlich aufeinander, so war es nicht verwunderlich, dass in der Amtszeit von Bürgermeister Dr. Drescher die politische Landschaft „bunter“ wurde. Zur Zeit der kommunalen Neuordnung  waren nur zwei Parteien im Rat der Stadt Warendorf vertreten, die CDU und die SPD. 1975 gelang der FDP wieder der Sprung über die 5% Hürde. Sie war schon in früheren Jahren sporadisch im Rat vertreten gewesen. 1984 kam erstmalig die GAL/Grünalternative Liste und 1989 die Freie Wählergemeinschaft, die FWG, in den Stadtrat.

Im Bundestag war der Kreis Warendorf durch den langjährigen Bundestagsabgeordneten und Bundesminister Dr. h.c. Heinrich Windelen gut vertreten und im Landtag von NRW hatte es der SPD-Abgeordnete Richard Winkels bis zum  Landtages-Vizepräsidenten gebracht. Auch Friedrich Vogel, CDU-Bundestags-Abgeordneter des Ennepe-Ruhr-Kreises, aber wohnhaft in Warendorf, konnte als Justizminister in NRW und Staatsminister in Bonn so manche Wege für Warendorf ebnen. Sie alle beförderten unsere Stadt nach Kräften und zeigten gern Ministern und Staatssekretären ihre schöne Heimatstadt, was für Warendorf manche Tür öffnete.

 
1991 Bundespräsident Richard v. Weizäcker mit seiner Frau wird von Oberst Klaus Kuhn, Bürgermeister Dr. Drescher, Stadtdirektor Theo Dickgreber und Graf von Landsberg-Velen empfangen

Sogar Bundespräsident Richard von Weizäcker machte 1991 mit seinen Mitarbeitern den jährlichen Betriebsausflug in die Pferdestadt und die Gäste aus Bonn bekamen ein vielseitiges Programm im Reitzentrum der FN und eine Mini-Hengstparade im Landgestüt vorgeführt.

Der hohe Wohn- und Freizeitwert der Stadt Warendorf hatte viele Neubürger angelockt, denen attraktive Neubaugebiete angeboten werden konnten. Durch den Strukturwandel mit dem Niedergang der Textil- und Landmaschinenindustrie war Geld im städtischen Haushalt allerdings Mangelware. Einige Großbetriebe, die breit gefächerte Behördenstruktur und vor allem die zahlreichen mittelständischen Unternehmen in Handel und Handwerk waren aber eine solide Basis, die Warendorf relativ unabhängig machte von extremen Konjunkturschwankungen. Die Sanierung der historischen Gebäude in der Innenstadt wurde in guter Zusammenarbeit zwischen den Eigentümern und der öffentlichen Hand vorangetrieben und die Altstadt wurde immer mehr zu einem Schmuckkästchen, das als „Stadt des Pferdes“ mit einer sehenswerten historischen Altstadt zu einem touristischen Anziehungspunkt wurde. Bewohner und Touristen schätzten das vielseitige Geschäftsangebot mit den vielen kleinen inhabergeführten Geschäften, die einen besonderen Charme verbreiteten. Der immer aktive Verkehrsverein, der später zum Stadtmarketing weiterentwickelt wurde, hatte alle Hände voll zu tun mit den Aktivitäten und Veranstaltungen in der Stadt, wie z.B. den jährlichen Traditions- und Stadtfesten oder den Militärweltmeisterschaften im „Modernen Fünfkampf“, die immer mit Gästen aus der ganzen Welt ausgetragen wurden. Natürlich wurden die Funktionäre zu einem festlichen Empfang in den historischen Ratssaal geladen und mit einem Willkommenstrunk aus den Warendorfer Silberpokalen geehrt.


1991 CISM Militätweltmeisterschaften im Modernen Fünfkampf

Mit all den  Aktivitäten hat sich auch das Hotel- und Gaststättenangebot merklich ausgeweitet und für die Touristen entstand das neuartige Angebot der Ferienwohnungen in Privathäusern. Ja, Warendorf entwickelte sich mehr und mehr zu einem Touristenmagnet. Das war ein wichtiges Standbein, denn Großindustrie in Warendorf anzusiedeln war nach wie vor schwierig. Aber die neuen Gewerbegebiete an der Splieterstraße und in der Katzheide füllten sich sehr schnell mit Gewerbebetrieben aller Art.

In der Zwischenzeit hatte der Autoverkehr gravierend zugenommen. Der Andreasring als Innerstädtische Entlastungsstraße hatte sich bewährt, nun  wurde der Bau der Stadtstraße Nord als eine wichtige Verkehrsentlastung für die Innenstadt und die Wohngebiete energisch vorangetrieben. Es sollte aber noch bis 2003 dauern, ehe der erste Bauabschnitt fertig war und noch heute warten wir auf die Vollendung der Stadtstraße Nord.

Ein wichtiges Ziel von Bürgermeister Dr. Drescher war die Verschlankung von Verwaltung und Politik. Er wünschte sich ein Umdenken, weg von der „Behördenmentalität“ hin zum „Dienstleistungsunternehmen Stadt“. Der Bürger sollte nicht Bittsteller sein, sondern Kunde. Ein langer und mühsamer Weg!

1994 Bürgermeister Dr. Dreschers begrüßt die Ehrengäste beim Neujahrsempfang

Ein naheliegendes Ziel war das Jahr 2000, in dem das 800jährige Stadtjubiläum gefeiert werden sollte. Schon jetzt wurden Pläne für ein großes Stadtfest gemacht und Prof. Dr. Leidinger wurde die Federführung für eine umfangreiche Stadtgeschichte übertragen.

Es war Bürgermeister Dr. Drescher ein wichtiges Anliegen, Warendorfer Bürger zu ehren, die sich für das Wohl der Stadt und seiner Ortsteile ehrenamtlich engagierten. Viele Gruppen und Vereine wurden beim alljährlichen Neujahrs-empfang geehrt. Außerdem zeichnete er im Laufe seiner Amtszeit 15 verdiente Bürger mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft, des Ehrenrings und des Ehrensiegels aus.

Mit der Kommunalwahl 1994 beendete Dr. Günther Drescher seine Bürgermeisterzeit und Manfred Kampelmann wurde sein Nachfolger. Nun konnte er sich mehr seiner großen Leidenschaft, dem „edlen  Waidwerk“ widmen, denn in der Natur und in der Familie und seinem großen Freundeskreis fand er Erholung und Entspannung. Gern setzte er sich mit seinen Freunden vom Rotary Club unter der Leitung von Dechant em. Walter Suwelack für die Erhaltung und Renovierung der historischen Bildstöcke und Wegekreuze im heimischen Raum ein.

1995 ehrte ihn seine Heimatstadt Warendorf für seine vielfältigen Verdienste mit der Ehrenbürgerschaft. Auch die Französische Partnerstadt Barentin hatte ihn zum Ehrenbürger ernannt. Viele seiner Wegbegleiter freuten sich mit ihm über die wohlverdienten Ehrungen.

Am 6. Februar 2010 verstarb Dr. Günther Drescher im Alter von 83 Jahren. Mit seiner Frau Ruth, seinen beiden Kindern und seinen fünf Enkelkindern trauerten die Warendorfer Bürger um ihren beliebten Bürgermeister und Ehrenbürger und begleiteten ihn in großer Zahl zu seiner letzten Ruhestätte auf dem Warendorfer Friedhof.

 

Text: Mechtild Wolff

Bilder: Alfred Kaup

 

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