Welch ein Fest im Juni 1955! Hans Günter Winkler wurde zum 2.
Mal Weltmeister. Nach dem „Wunder von Bern“ im Vorjahr, als Deutschland
Fußball-Weltmeister wurde, gab nun auch Winkler der durch den verlorenen
Weltkrieg demoralisierten Nation ihren Stolz zurück. Deutschland war
wieder eine beachtete Nation in der Sportwelt. Das musste auch in seiner
Heimatstadt gefeiert werden. Die Warendorfer waren zu Tausenden auf den
Beinen, um den erfolgreichen Springreiter bei seiner Heimkehr an den
Toren der Stadt in Empfang zu nehmen. Hier warteten auf den Weltmeister
schon geduldig Bürgermeister Josef Heinermann mit den Honoratioren der
Stadt und dem Oberkreisdirektor Dr. Schnettler in der mit
Blumengirlanden verzierten Kutsche. Im Triumphzug geleiteten sie den
Weltmeister Hans Günter Winkler in die Stadt, die mit Fahnen und Wimpeln
ihr Festkleid angelegt hatte.

Die Bevölkerung stand am Straßenrand Spalier und jubelte
begeistert dem jungen Sportler zu. Tosenden Applaus gab es, als die
Kutsche auf dem Marktplatz einfuhr, angeführt von den Reiterstandarten
der örtlichen Reitervereine.

Er wurde am 24. Juli 1926 in Barmen geboren. Sein Vater war
Stallmeister und Reitlehrer, dadurch erlernte Hans Günter das Reiten
schon in frühester Jugend. Der 2. Weltkrieg beendete diese
fruchtbringende Zusammenarbeit, sein Vater musste an die Front und fiel
in den letzten Kriegstagen an der Westfront. Auch Hans Günter wurde als
Flakhelfer eingezogen, geriet in amerikanische Gefangen-schaft, konnte
aber zu seiner Mutter nach Kronberg im Taunus fliehen. Dort fand er eine
Anstellung als Stallbursche und erteilte Mitgliedern der amerikanischen
Besatzungsmacht Reitunterricht, so auch dem
Militärgouverneur
Dwight D. Eisenhower, der 1953 zum Präsidenten
der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde.
Ende der 1940er Jahre nahm Winkler wieder am Turnierreitsport
im
Nachkriegsdeutschland teil. Hier fiel er Dr.
Gustav Rau auf, der ihn nach Warendorf einlud. HGW, wie er in
Reiterkreisen später genannt wurde, sah darin die Chance seines Lebens.
Er verlud seine drei Pferden in einen Eisenbahnwaggon und fuhr mit der
Bahn nach Warendorf, setzte sich am Bahnhof auf das mittlere Pferd und
ritt zum Olympiade-Komitee. Dort traf er den Oberlandstallmeister Dr.
Gustav Rau auf dem Reitplatz an, der sich aber leider nicht mehr an die
Begegnung mit Winkler erinnerte und ihn empfing mit „Wat wills du denn
hier?“ Welch ein niederschmetternder Empfang. Gott Dank entschied Rau,
dass der junge Reiter drei Monate bleiben durfte, um zu zeigen, was er
konnte. Wie wir alle wissen, wurde aus diesen drei Monaten lebenslang.
Winkler konnte allerdings nicht von der Reiterei leben, darum
arbeitete er in einer Bauschreinerei. Eine Anstellung als Bankkaufmann -
das hatte er gelernt - war nicht zu bekommen. Als Reitlehrer durfte er
nicht arbeiten, damit hatte er schon schlechte Erfahrung gemacht, denn
1952 wurde er für die
Olympischen Spiele gesperrt, weil er in den
1940er Jahren in Kronberg als Reitlehrer gearbeitet hatte und somit als
Berufsreiter galt. Erst nach der Olympiade erreichte der DSB Präsident
Willi Daume, dass Winkler in den Amateurstatus zurückversetzt wurde.
In
Warendorf stellte sich bald heraus, dass Winkler ein Spezialist für
schwierige Pferde war. Als 1952 ein neues Pferd für die Olympischen
Spiele gesucht wurde, entdeckte das DOKR „Halla“, ein Pferd mit hohem
Potential und vertraute es Hans Günther Winkler an. „Halla“, ein
ungewöhnliches Pferd, sehr flexibel, aber nicht mit einem Plan zu
erfassen, „ein Pferd zwischen Genie und Wahnsinn“, so charakterisiert
Winkler „Halla“ gern selbst.
Viele Reiter waren schon an „Hallas“ Charakter gescheitert,
„Halla“ galt als unreitbar und Turnier untauglich. Erst HGW hatte das
richtige Gefühl für die schwierige Stute und es gelang ihm, sich mit ihr
zusammen zu raufen. Er selbst sagte einmal: „Halla“ hat einfach eine
Schraube locker, genauso wie ich!“ Seinen ersten sportlichen Höhepunkt
erlebte er mit „Halla“ bei den Weltmeisterschaften 1954 in Madrid. Als
erster Deutscher überhaupt wurde er mit seiner Wunderstute Weltmeister
im Springreiten. Auch 1955 in Aachen wurde Winkler Weltmeister und wurde
jetzt zum 2. Mal zum Sportler des Jahres gewählt und 1960 zum Sportler
des Jahrzehnts.

Die nächste Chance kam 1956 bei den Olympischen Spielen in
Stockholm. Hans Günter Winkler wurde für die Springreiter nominiert und die Deutsche Mannschaft siegte
im ersten Durchgang des Mannschaftswettbewerbs. Auch Winkler lieferte
einen Null-Fehler-Ritt, zog sich aber am dreizehnten Hindernis einen
Muskelriss zu. Welch eine Katastrophe für die aussichtsreiche Deutsche
Equipe, die in den 2. Umlauf gehen musste und keinen Ersatzreiter hatte.
Um die deutsche Mannschaft mit Alfons Lütke Westhues auf „Ala“, Fitz
Tiedemann auf „Meteor“ und Hans Günter Winkler auf „Halla“ nicht aus der
Wertung fallen zu lassen, startete Winkler trotz großer Schmerzen zu dem
entscheidenden Ritt im Stechen. Jetzt zeigte sich die tiefe
Verbundenheit des Reiters mit seinem Pferd „Halla“. Sie erspürte die
Situation und trug ihren Reiter als einziges Pferd fehlerfrei ins Ziel,
ohne Hilfen von Reiter zu bekommen. Der hatte genug damit zu tun, sich
unter Schmerzen im Sattel zu halten. Noch heute schmunzelt man über die
damalige Berichterstattung des legendären Hans Heinrich Isenbart, der
während des atemberaubenden Rittes sagte: „Und „Halla“ lacht, als wüsste
sie worum es geht.“ So konnte Winkler eine Goldmedaille für die Deutsche
Mannschaft
mit nach Hause bringen und eine Goldmedaille in der
Einzelwertung. Doppelgold für Deutschland, welch ein Erfolg für eine
geschlagene Nation! Es ist nicht zuletzt Winkler zu verdanken, dass
Deutschland wieder in die Internationale Sportgemeinschaft aufgenommen
wurde.
Es
war für seine Heimatstadt Warendorf eine Ehre, Hans Günter Winkler
wieder einen triumphalen Empfang zu bereiten und ihn zum Ehrenbürger der
Stadt Warendorf zu ernennen. Als prominentester Bürger Warendorfs und
Aushänge-schild für die gesamte deutsche Reiterei hat er die Stadt
Warendorf nicht nur weltbekannt, sondern auch zur Hochburg des
Pferdesportes gemacht.





1957
bescherte Hans Günter Winkler den Warendorfern wieder einen Festtag: Er
heiratete seine Reiterkollegin Inge Fellgiebel. Ich habe noch heute das
Bild vor mir, wie das schmucke Paar in einer offenen Kutsche, die von
vier Schimmeln gezogen wurde, zur Christuskirche fuhr. Überall standen
Reporter und die Wochenschau filmte die prachtvolle Hochzeit. Nach der
Trauung fuhr das junge Paar durch die mit jubelnden Menschen gesäumten
Straßen zum Marktplatz, um im Rathaus vom Bürgermeister und den
Honoratioren der Stadt empfangen zu werden - so etwas hatte Warendorf
noch nicht gesehen, ja, es war fast so schön wie bei den Royales!
Die Ehe hielt allerdings nur drei Jahre. 1962 heiratete Winkler
die Dänin Marianne Gräfin Moltke. Aus dieser Ehe entstammt der
Sohn Jörn (geb. 1965) und die Tochter Jytte (geb. 1967). 1970 wurde auch
diese Ehe geschieden und Winkler heiratete die venezolanische
Millionärstochter Astrid Nunez, mit der er bis 1986 verheiratet war.
Dann traf er die Liebe seines Lebens und heiratete 1994 in vierter Ehe
die US-Amerikanerin Debby
Malloy. Mit ihr wollte er seinen Lebensabend
verbringen, aber das Schicksal hatte einen anderen Plan. Debby wurde
2011 bei einem Reitunfall in der Reithalle auf dem Birkenhof so schwer
verletzt, dass sie im Alter von nur 51 Jahren verstarb. Ein schwerer
Schlag für Hans Günter Winkler.
Nun
lebte der 85Jährige allein in seinem Anwesen „Birkenhof“, umgeben von
all seinen Pokalen, mit fünf Gold- und eine Silbermedaillen, die ihn zu
einem der erfolgreichsten Olympioniken machten und ihm 2002 die
Auszeichnung als weltbesten Springreiter bei Olympischen Spielen
einbrachten.


Zu seinem 90. Geburtstag am 24. Juli 2016 wurde er beim CHIO in
der Aachener Soers mit der „Hans Günther Winkler Gala“ gefeiert. Es
ritten 125 braune Stuten ein, die an die 125 Siege erinnern sollten, die
HGW mit der Wunderstute „Halla“ errungen hatte. In einer Kutsche wurde
Hans Günter Winkler unter tosendem Applaus zu einer Ehrenrunde über den
Platz gefahren. Welch ein eindrucksvolles Bild auf einem der
bedeutendsten Turnierplätzen der Welt, seinem Wohnzimmer, wie Winkler
gerne sagte.
Die Stadt Warendorf feierte den 90. Geburtstag ihres
Ehrenbürgers mit einem Kutschen-Festumzug durch die Stadt, angeführt von
dem „Berittenen Fanfaren-zug“ aus Freckenhorst und den Hellebardieren
des Bürgerschützenvereins. Der große Zuspruch aus der Bevölkerung
zeigte, wie sehr die Warendorfer „ihre Reitlegende HGW“ schätzten.


Durch den Reitsport wurde er zu einer internationalen Berühmtheit.
Weltweit vernetzt und erfolgreich blieb er aber solide verwurzelt auf
seinem Anwesen „Birkenhof“ in Warendorf, seiner Heimat seit 1950.

Am 9. Juli 2018 verstarb Hans Günther Winkler im Alter von 91
Jahren. An seinem 92. Geburtstag fand eine beeindruckende Trauerfeier
statt, zu der sich Winklers Kinder Jytte und Jörn, viele Freunde und die
gesamte Reiterprominenz, Vertreter der Stadt Warendorf und Hunderte
Bürger in der Bundeswehrsportschule versammelten. Es war sein Wunsch
gewesen, „wenn es denn einmal soweit ist“ in einer historischen
Beerdigungskutsche aus dem Jahr 1933 vom benachbarten „Birkenhof“
abgeholt zu werden.

Mit Hans Günter Winkler ist der erfolgreichste Springreiter der
Geschichte gestorben. Sein Olympiasieg 1956 mit der Wunderstute „Halla“
hat ihn weltberühmt gemacht. Das ist heute eine Heldengeschichte mit
Legendenstatus, die immer wieder gern erzählt wird. HGW blieb bis zum
Schluss ein großer Botschafter für den Reitsport. Er beriet die Älteren
und förderte die Jugend. Er war nicht immer bequem, aber immer
zielstrebig, konsequent und gerecht. Als Reitlehrer hat HGW viele
Schüler zu herausragenden Reitern geformt, dabei war er ein kantiger und
fordernder Ausbilder, mit dem nicht jeder Schüler zurechtkam. Sein
Vermögen hat er in die „Hans Günter Winkler-Stiftung“ eingebracht, die
die Nachwuchsförderung für den Spitzensport mit „Horsemanship“ zum Ziel
hat.
Hans Günter Winkler hat sich um Warendorf verdient gemacht.
Durch ihn erlangte Warendorf als „Stadt des Pferdes“ nationale und
internationale Bekanntheit. Ich erinnere mich noch gut an die 1950er
Jahre. Wenn wir damals nach unserem Heimatort gefragt wurden, sagten wir
ganz bescheiden: „Aus einem kleinen Städtchen bei Münster.“ Das kleine
Landstädtchen Warendorf hätte niemand gekannt. Durch Hans Günter
Winklers Weltruhm änderte sich das schlagartig und wenn wir Warendorf
als unsere Heimatstadt nannten, wussten sehr viele sofort „Oh, daher
kommen doch auch Hans Günter Winkler und „Halla.“ Aus dem kleinen
Landstädtchen war die international bekannte Pferdestadt Warendorf
geworden, das Mekka aller Reiter. Es kamen nun Gäste aus Amerika,
Brasilien, Australien und dem Orient nach Warendorf. Das haben wir nicht
zuletzt dem erfolgreichen Springreiter Hans Günter Winkler zu verdanken.
Der Initiator allerdings war Dr. Gustav Rau. Er brachte das DOKR nach
Warendorf und Winkler sorgte für den Glanz.
Am 24. Juli 2026 wäre Hans Günter Winkler 100 Jahre alt
geworden – ein Tag, an dem wir uns an ihn und seine Verdienste für
Warendorf erinnern sollten.
Mechtild Wolff

Quellen:
Presseberichte der Westfälischen Nachrichten, der Glocke und
der FAZ
Berichte im Internet
Bilder: Archiv Kurt Heinermann, Archiv Wolff
Heinrich Blum, von allen "Mister Blum" genannt
Franz Joseph
Zumloh, der Begründer des Josephshospitals
Maria Anna
Katzenberger und Heinrich Ostermann
Hermann Josef
Brinkhaus,
Gründer der Firma Brinkhaus
Eduard
Wiemann und die Villa Sophia
Anna
Franziska Lüninghaus, Gründerin der Marienstiftung
Wilhelm
Zuhorn, Geheimer Justizrat und Geschichtsforscher
Bernard
Overberg, der Lehrer der Lehrer
Arthur
Rosenstengel, Seminarlehrer, Musikerzieher und Komponist
Pauline
Hentze, Begründerin der Höheren Töchterschule
Franz
Strumann, Pastor und Förderer der höheren Mädchenbildung
Dr. Maria
Moormann, die mutige Direktorin der Marienschule
Josef Pelster,
der Schulrat und Naturfreund
Wilhelm
Diederich, Bürgermeister von 1869-1904
Hugo
Ewringmann, Bürgermeister von 1904-1924
Theodor
Lepper, Stadtrendant und Retter in den letzten Kriegstagen
Clara Schmidt,
Kämpferin für die Frauenliste im Stadtparlament
Elisabeth
Schwerbrock, eine hochengagierte Stadtverordnete,
Eugenie
Haunhorst, die Kämpferin für ihre Heimatstadt
Paul Spiegel,
Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland
Paul
Schallück, der vergessene Nachkriegsschriftsteller
Heinrich
Friedrichs, ein Warendorfer Künstler
Theo
Sparenberg, Kinokönig und Tanz- und Anstandslehrer
Wilhelm
Veltman, Retter der historischen Altstadt
Rainer. A. Krewerth, ein schreibender Heimatfreund
Prof. Dr. Alfons
Egen
ein begnadeter Lehrer und Heimatfreund
Änneken Kuntze und ihre Schwester Lilli
Elisabeth Schwerbrock, Stadtverordnete in Warendorf
Anni Cohen und ihre Familie - von Warendorf nach Südafrika und Palästina
Eduard Elsberg erbaute das erste große Kaufhaus in Warendorf
Joos Brandkamp, Kirchen- und Kunstmaler
Hans Günter Winkler -
erfolgreichster Springreiter und Ehrenbürger der Stadt Warendorf